»A pretty wild combination«

Susanne Vogel zwischen Wissenschaft und Jenaer Stadtgeschichte

Jena / 21. Februar 2026

 »Science, history, and art make a great match.«, sagt Susanne Vogel, Assistenz in der Abteilung Opto-mechatronische Komponenten und Systeme und zertifizierte Stadtführerin in Jena. Wir haben Susanne auf einer ihrer Stadtführungen begleitet, dabei hat sie uns erzählt, warum Jena eine großartige Stadt ist, wie sie ihren Weg an das Fraunhofer IOF fand und was das alles mit der perfekten Kombination aus Interesse und Beruf zu tun hat.

Am 21. Februar wird weltweit der Weltgästeführertag gefeiert. Er würdigt die Arbeit qualifizierter Gästeführerinnen und -führer. Auch Susanne Vogel, Assistenz in der Abteilung Opto-mechatronische Komponenten und Systeme am Fraunhofer IOF, ist neben ihrer Arbeit an unserem Institut zertifizierte Städteführerin in Jena. Für neue Mitarbeitende bietet sie regelmäßig Führungen durch die Lichtstadt an – eine tolle Gelegenheit, um deren neue Wahlheimat kennen zu lernen und mit Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch zu kommen. Wir konnten sie bei einer dieser Stadtführungen begleiten und dabei nicht nur mehr über Wissenschaftsgeschichte aus Jena erfahren, sondern auch über Susannes Leben und Arbeiten zwischen Wissenschaft, Geschichte und Kunst.   

Es ist kurz vor 17 Uhr auf dem Jenaer Marktplatz: entgegen der Wettervorhersage ist der angekündigte Wolkenbruch bisher ausgeblieben. Vor der Tourist-Information in Sichtweite des ›Hanfried‹ sind aber trotzdem noch nicht alle angemeldeten Teilnehmenden der englischsprachigen IOF-Stadtführung eingetroffen. Susanne Vogel tritt etwas nervös von einem Bein auf das andere – »gesunde Aufregung«, wie sie es im Nachgang nennt.

Als sich pünktlich zur vollen Stunde doch noch alle angemeldeten interessierten Kolleginnen und Kollegen versammelt haben, ist es – ähnlich wie bei der komplizierten Mechanik, die den ›Schnapphans‹, das spätgotische Uhrenspiel am Jenaer Rathaus, auslöst – als hätte jemand bei Susanne einen Schalter umgelegt. Von ihrer anfänglichen Nervosität ist bereits beim ersten Satz von Susannes Ausführungen nichts mehr zu spüren.

© Fraunhofer IOF
Nun auch nach DIN EN 15565 zertifizierte Gästeführerin: Susanne am Steg der Wünsche auf der Leuchtenburg nach der feierlichen Übergabe der Urkunden.

Die »pretty wild combination« im Studium

Nur die kleinlichsten Bewohner der Lichtstadt würden Susanne Vogel wohl als Jenaerin und nicht als Jenenserin bezeichnen. »Ich bin von klein auf in Winzerla aufgewachsen, aber 1984 nicht in Jena, sondern in Saalfeld geboren. Ich darf mich also gar nicht offiziell Jenenserin nennen. Also psssst!«, erzählt Susanne lachend und hält dabei den ausgesteckten Zeigefinger vor den Mund.

Nach dem Abitur war Susanne mit derselben quälenden Frage konfrontiert, die sich wohl die meisten Schulabgänger stellen, die ein Studium ins Auge fassen: Welcher Studiengang passt zu mir? »Ich wollte zum einen etwas studieren was ich kann und zum anderen etwas, das mich interessiert«, sagt Susanne. Herausgekommen ist eine »pretty wild combination«, die sich aber »einfach richtig« angefühlt hat, wie sie auch ihren Gästen bei der Führung schmunzelnd erzählt: Kunstgeschichte, Mathematik und Wirtschaftswissenschaften. Im Jahr 2009 hat Susanne – vermutlich als einzige Studierende mit dieser Fächerkombination – ihren Magister in der Tasche.

 

Langeweile? Fehlanzeige: »I’m having so much fun right now!«

 

Das Motto der IOF-Stadtführung hat Susanne schnell abgesteckt: »Science, history, and art make a great match.« Neben den bekannten Orten und Sehenswürdigkeiten wie dem Hanfried auf dem Marktplatz, dem Volkshaus, dem ehemaligen Zeiss-Hauptwerk oder dem Pulverturm möchte Susanne auf dem Weg zu den einzelnen Stationen mehr erzählen als der Tag Stunden hat.

Immer wieder bleibt sie an Orten stehen, die dem ungeschulten Auge auf den ersten Blick vielleicht nicht als besonders geschichtsträchtig erscheinen würden. »I’m having so much fun right now«, hört man eine Teilnehmerin angeregt flüstern, als Susanne ihre Gäste durch eine enge Gasse in den Innenhof zwischen Foyer und der Teilbibliothek des Uni-Hauptcampus führt.

© Fraunhofer IOF
Die Teilnehmenden bedanken sich bei Susanne mit einem herzlichen Applaus, als die Führung im Uni-Hauptgebäude endet.

»Back to the roots«

»Nö!« antwortet Susanne prompt auf die Frage, ob sie damals schon gewusst hätte, was mit der Fächerkombination ihres Studiums im Berufsleben anzufangen sei und führt weiter aus: »Ich habe danach in Berlin ein Praktikum in einem Architekturbüro gemacht, das auf Ausstellungsarchitektur spezialisiert ist und damit das Thema meiner Magisterarbeit aufgegriffen. Daraus wurde dann ein Job als Assistenz der Geschäftsleitung in einem Berliner Landschaftsarchitekturbüro.

Als Susannes jetziger Mann im Jahr 2012 ein Stellenangebot in Jena bekommt, war aber schnell klar, dass es sie wieder in ihre Heimatstadt zieht. Zu diesem Zeitpunkt war die Idee, Stadtführerin zu werden, noch nicht gereift. Aber für Jena zu werben, ging ihr vorher schon leicht von der Hand: »Ich habe schon als Kind und erst recht im Studium mitbekommen, dass wir hier in Jena tolle Sachen haben. Sowohl kunsthistorisch als auch im Bereich der Wissenschaftsgeschichte sind hier viele bedeutende Dinge passiert«, konstatiert Susanne mit funkelnden Augen und man merkt sofort wieder ihre brennende Begeisterung für die Lichtstadt aufflammen.

Zurück in Jena nimmt sie eine Stelle beim Deutschen Roten Kreuz als Vorstandsassistentin an und ist dort für den Bereich Kinder, Jugend und Familie zuständig. Die Suche nach der perfekten Berufskombination ist für sie damit aber noch nicht abgeschlossen. Um wieder »back to the roots und auch mal wieder in die Bibliothek zu kommen«, wie sie sagt, belegt Susanne im Jahr 2019 neben Familie und Beruf einen Volkshochschulkurs zur Ausbildung als Stadtführerin: 8 Monate lang, 3 Stunden in der Woche. Kein Zuckerschlecken Im Februar 2020 schließt Susanne ihre Ausbildung erfolgreich ab. Doch wegen des Corona-Virus und den Lockdowns ist an eine Tätigkeit als Gästeführerin erst einmal nicht zu denken.

 

© Fraunhofer IOF
Das Fraunhofer Magazin 4/2019: Der Artikel ›The weird, wonderful quantum world – the future is now‹ über Quantentechnologien am Fraunhofer IOF bewegt Susanne zu einer Bewerbung. Dass Erik Beckert (hier abgebildet) ihr zukünftiger Chef werden wird, wusste sie damals noch nicht.
© Fraunhofer IOF
Susanne zeigt ihren Gästen auf dem Dach des Johannistors eine Illustration des damaligen Stadtkerns.

»Es darf ruhig noch etwas mehr Wissenschaft sein«

 

Zur perfekten Kombination ihrer privaten und beruflichen Interessen fehlte aber noch etwas. »Es darf ruhig noch etwas mehr Wissenschaft sein«, stellt Susanne mit Rückblick auf das Jahr 2019 und ihre Entscheidung, ihre bisherige Stelle zu verlassen fest. Auch das Fraunhofer IOF befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer Transformationsphase: für die neue Abteilungsstruktur des Institutes wurden im November 2019 gleich vier Assistenzstellen ausgeschrieben.

»Ich muss gestehen, ich wusste vorher gar nichts über das Fraunhofer IOF. Man setzt sich aber als Kunsthistorikerin auch mit den jeweiligen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Erfindungen der verschiedenen Epochen auseinander, da vieles auch die Kunst beeinflusst hat. Wissenschaftsgeschichte hat mich besonders interessiert, weil man viele Verbindungen zwischen Mathematik und Kunst finden kann – wenn man will. Ich kannte deshalb auf jeden Fall schon Erwin Schrödinger und sein berühmtes Gedankenexperiment mit der Katze. Als ich mich für die freie Stelle am IOF beworben habe und mitbekam, dass hier an Quantenkryptografie geforscht wird, fand ich das superspannend. Zahlentheorie, also die Grundlage herkömmlicher Kryptografie, war mein Schwerpunkt im Mathematikstudium«, erzählt Susanne, die es sich nicht nehmen lässt, Schrödingers Wirken als Professor in Jena in ihren Führungen zu erwähnen.

»In Vorbereitung auf das Bewerbungsgespräch fiel mir der Artikel aus dem Fraunhofer Magazin mit dem Titel ›The weird, wonderful quantum world – The future is now‹ mit Marta Gilaberte Basset und Erik Beckert, meinem zukünftigen Chef, in die Hände. Der Artikel hat mich damals nicht nur inhaltlich, sondern auch künstlerisch sehr beeindruckt. Ich fand das richtig cool und noch cooler war es, dass ich dann ausgerechnet bei Erik als neue Abteilungsassistenz gelandet bin – hehe! «, erzählt Susanne sichtlich amüsiert und ergänzt: »Er war es dann auch, der mich darin unterstützt hat, Stadtführungen im Rahmen des Onboardings für das IOF anzubieten. Bei meiner allerersten Tour im Sommer 2021 war er zusammen mit drei Kolleginnen sogar selbst dabei. Seitdem habe ich Tour für Tour Erfahrung sammeln können und nun gebe ich seit letztem Jahr sogar Stadtführungen für die Tourist-Info Jena.«

Türöffnerin für Jenas Geschichte – mit Zertifikat

Klischees von gähnend langweiligen Stadtführungen schiebt Susanne durch ihre nonchalante Art gekonnt einen Riegel vor – ganz im Gegensatz zu den Orten, die der Öffentlichkeit sonst unzugänglich bleiben. Vor dem Zeiss-Denkmal, dem Johannistor und dem Universitätshauptgebäude stellt Susanne jedes Mal breit grinsend fest: »The door is locked – but I have the key!«

Im September 2025 besteht Susanne ihre angestrebte Zertifizierung als Stadtführerin mit Bravour. Eine feierliche Übergabe der Urkunden auf der Leuchtenburg markierte den Höhepunkt von Susannes Suche nach der perfekten Kombination aus Geschichte, Kunst und Wissenschaft.

Über die Reihe »Gesichter des Fraunhofer IOF«

Leidenschaft für Licht – das ist Fraunhofer IOF. Hier werden innovative Lösungen für lichtbasierte Zukunftstechnologien entwickelt. Doch wer sind die Menschen hinter Forschung und Wissenschaft? In der Reihe »Gesichter des Fraunhofer IOF« stellen wir sie vor.