Jena | 11. Mai 2026
Interview mit Institusleiter Andreas Tünnermann über technologische Souveränität, Widerstandsfähigkeit und nachhaltige Innovation
Jena | 11. Mai 2026
Sei es für die künstliche Intelligenz, Quantentechnologien, Raumfahrt, Energie und Sicherheit: In vielen richtungsweisenden Anwendungsfeldern entwickelt sich die Photonik seit Jahren von einer Basistechnologie zu einem strategischen Enabler. In einem aktuellen Interview spricht Institutsleiter Prof. Dr. Andreas Tünnermann über strategische Entscheidungen am Fraunhofer IOF, über Investitionen in die Zukunft und neue Perspektiven in der Zusammenarbeit mit Industrie und Forschung.
Die Bundesregierung hat 2025 mit der Hightech-Agenda einen Fokus auf Schlüsseltechnologien, technologische Souveränität und Resilienz gelegt. Wo steht das Fraunhofer IOF in diesem Kontext?
Andreas Tünnermann: Das Fraunhofer IOF steht einerseits für Exzellenz in der Forschung, andererseits für einen klaren Blick auf die Bedarfe unserer Partner in der Wirtschaft und Wissenschaft gepaart mit dem Willen zum Transfer. Ich selbst verstehe die Hightech-Agenda als Ausdruck des politischen Willens, die Zukunft unseres Landes in wichtigen Bedarfsfeldern nachhaltig zu gestalten und dafür auch die Forschungsförderung zu fokussieren. Passenderweise adressieren viele unserer Forschungsarbeiten schon seit mehreren Jahren die in der Hightech-Agenda besonders hervorgehobenen Schlüsseltechnologien und Bedarfsfelder – sie sind Teil unserer DNA. Das Fraunhofer IOF ist bereit, die Zukunft unseres Landes mitzugestalten.
Wie hat sich das Fraunhofer IOF denn in den letzten Jahren verändert?
Wir haben durch unsere enge Vernetzung mit unseren Kunden schon vor den Corona-Jahren erkannt, dass sich einzelne Märkte strukturell verändern und an Dynamik verlieren. Darauf haben wir in einem Roadmapping-Prozess reagiert. Wir haben in der Folge Strukturen überprüft, Effizienzen gehoben und Prioritäten gesetzt. Dadurch konnten wir einerseits Kosten senken, aber an anderen Stellen massiv in Zukunftsfelder investieren. Investiert haben wir dabei sowohl in Menschen, beispielsweise durch den Aufbau neuer Forschungsgruppen, als auch in Anlagentechnik, die teilweise weltweit einzigartig ist. Unsere Investitionsquote liegt seit Jahren bei knapp 20 Prozent und damit deutlich über dem Durchschnitt der Fraunhofer-Gesellschaft.
Welche technologischen Schwerpunkte standen bei dem Ausbau der Anlagentechnik dabei im Mittelpunkt?
Zwei Bereiche sind besonders hervorzuheben. Zum einen haben wir rund 25 Millionen Euro in Anlagentechnik zur Darstellung von Mikro- und Nanooptiken bis hin zu photonisch integrierten Schaltkreisen investiert. Diese Technologien sind zentrale Enabler für das High-Performance Computing (HPC) und die Quantentechnologien aber auch für die Darstellung von Plattformen zur effizienten Skalierung von Künstlichen Intelligenz Anwendungen (KI). Zum anderen haben wir mehr als 15 Millionen Euro in Anlagentechnik zur Herstellung von Abbildungsoptiken mit großen Aperturen investiert. Diese Systeme sind essenziell für die weitere Entwicklung der KI, Produktion, Quantentechnologie, Raumfahrt und Sicherheit. Beide Investitionen sind langfristig angelegt und zielen sowohl auf die Adressierung von Bedarfen im Zusammenhang mit der Sicherung technologischer Souveränität, sie adressieren aber auch Bedarfe der Wirtschaft.
- Andreas Tünnermann
KI ist der große Trend in diesem Jahr. Wobei da der Energiebedarf zum Problem wird. Wo liegen konkret die Beiträge der Photonik zur Entwicklung von Lösungen?
Photonische Lösungen können den Stromverbrauch bei KI-Berechnungen erheblich senken. Zum einen sehen wir dadurch im Bereich des HPC einen starken Trend zur optischen Vernetzung von mikroelektronischen Baugruppen bis hinunter zum Chip-Level. Gleichzeitig sehen wir einen Trend hin zum photonischen neuromorphen Computing – das Fraunhofer IOF ist in beiden Feldern strategischer Entwicklungspartner für global agierende Unternehmen.
Die Quantentechnologien haben in den vergangenen Jahren stark an politischer Aufmerksamkeit gewonnen. Wo sehen Sie realistische Anwendungsperspektiven?
Unser Ansatz ist klar nutzenorientiert. In Bereichen wie der Sensorik oder der Bildgebung zeigt sich, dass der spezifische Quantenmehrwert begrenzt ist. Durch Impulse aus der Quantenforschung haben aber auch klassische Technologien erhebliche Fortschritte gemacht. Hier wird der prognostizierte Markt aktuell eher kleiner.
Grundsätzlich anders stellt sich die Situation in der Quantenkommunikation dar. Hier existiert ein Quantenmehrwert. Im Ergebnis haben wir technologische Roadmaps abgeleitet. Zahlreiche Anwendungen stehen kurz vor der wirtschaftlichen Tragfähigkeit. Perspektivisch eröffnen sich zudem neue Möglichkeiten durch die Vernetzung von Quantencomputern. Die Entwicklung auf dem Gebiet der Quantencomputer selbst ist weiterhin sehr dynamisch. Neue Ansätze im Bereich der Fehlerkorrektur sind vielversprechend – die Community erwartet den Q-day in etwa 10 Jahren, in Spezialanwendungen kann dies auch schneller erfolgen. Ich persönlich bin fest davon überzeugt, dass es künftig verschiedene relevante Plattformen geben wird. Für uns als Fraunhofer IOF ist die photonische Plattform natürlich von besonderer Bedeutung, weil die auch inhärent die Möglichkeit der Vernetzung bietet.
Die Raumfahrt gewinnt zunehmend strategische Bedeutung. Welche Rolle spielt das Fraunhofer IOF in diesem Feld?
Raumfahrt ist für uns ein Querschnittsthema. Inzwischen entfallen rund 20 Prozent unserer Institutserträge auf diesen Bereich. Unsere Kompetenzen reichen von der Entwicklung von Instrumenten zur Erdbeobachtung und optischen Satellitenkommunikation bis hin zu Systemen mit Anwendungen in dem Bereich Sicherheit. Besonders dynamisch entwickelt sich die optische Intersatelliten- und Bodenkommunikation. Hier leisten wir nicht nur Forschungsbeiträge, sondern koordinieren auch große europäische Vorhaben zur Standardisierung und zum Aufbau entsprechender Infrastrukturen.
Was erwarten Sie von der Zukunft?
Die einzige Konstante ist wohl Veränderung - sich immer wieder neu zu erfinden ist die Voraussetzung für langfristigen Erfolg. Hier sind wir gut aufgestellt. Mein persönliches Ziel: Die Vernetzung zwischen den verschiedenen Forschungseinrichtungen untereinander und mit der Wirtschaft vorantreiben bis hin zur Errichtung von Joint Labs und damit bislang ungenutzte Potenziale heben. Da sind zwar sicherlich noch ein paar Hürden zu nehmen, aber die Aufgabe ist ohne Zweifel interessant...
Am Ende entwickelt sich unser Institut vor allem mit den Menschen, die hier arbeiten und denen mein großer Dank gilt. Ihre Kreativität und Professionalität sind der Schlüssel zum Erfolg. Das gilt es weiter zu fördern und zu erhalten.
(Hinweis: Dieses Interview erschien zuerst im Jahresbericht 2025 des Fraunhofer IOF.)