In der Schule des Lichts

Wissenschaftliche Exzellenz in Deutschland bündeln und integrierte Master-Promotionsstudiengänge nach internationalem Vorbild anbieten. Das sind die Ziele der Max Planck Schools, an denen sich 2019 die ersten Studierenden einschreiben werden. Prof. Andreas Tünnermann, Sprecher der Max Planck School of Photonics und Leiter des Fraunhofer-Instituts für angewandte Optik und Feinmechanik erklärt im Interview, was das besondere an dem Studium ist und wie er damit die Besten der Besten gewinnen will.

Interview: Christine Broll

© Anne Günther, FSU-Fotozentrum

Prof. Andreas Tünnermann, Sprecher der Max Planck School of Photonics und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Optik und Feinmechanik IOF in Jena.

Wie kommt es, dass Sie als Leiter eines Fraunhofer-Instituts Sprecher einer Max Planck School geworden sind?

Bei den Max Planck Schools geht es nicht darum, bestimmte Einrichtungen zu repräsentieren. Die Schools sind ein Zusammenschluss herausragender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eines Fachgebiets, die als Principal Investigators, kurz PI, fungieren. Die Initiative zur Gründung der Max Planck School of Photonics ging von Gerd Leuchs vom Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts und von mir aus. Wir konnten Kolleginnen und Kollegen gewinnen, die in ihrem Fach über eine hohe Sichtbarkeit verfügen, darunter renommierte Experten des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik in Aachen. Zum Netzwerk gehören auch mehrere Leibniz-Preisträger und mit Stefan Hell aus Göttingen auch ein Nobelpreisträger. Er erhielt für seine Arbeiten auf dem Gebiet der ultrahochauflösenden Fluoreszenzmikroskopie 2014 den Nobelpreis für Chemie.
 

Warum wurde die Photonik als Thema für eine der drei Max Planck Schools ausgewählt?

Da das Programm der Max Planck Schools auch Studierende adressiert, die erst im vierten oder fünften Fachsemester sind, braucht man Themen, die für die jungen Studierenden interessant sind und denen sie in ihrem Studium bereits begegnet sind. Die Photonik ist sehr attraktiv, da sie sowohl für die Wissenschaft als auch für die  Wirtschaft eine wichtige Schlüsseltechnologie ist. Die Photonik befähigt viele Wissenschaftler zum Durchführen von Grundlagenexperimenten. In den letzten Jahren wurden sieben Nobelpreise im Bereich der Photonik verliehen. Das zeigt, dass das Thema auch volkswirtschaftlich relevant ist.
 

Mit welchen Themen werden sich die Studierenden beschäftigen?

Das übergeordnete Thema lautet: »Kontrolle von Licht auf allen Skalen«. Wir kontrollieren Licht verschiedenster Wellenlänge – von der Röntgenstrahlung bis zu den Mikrowellen. Wir arbeiten mit extrem kurzen Pulsen genauso wie mit sehr hohen Lichtintensitäten. Es sind auch Astronomen dabei, die Licht untersuchen, das vor vielen Milliarden Jahren erzeugt worden ist.
 

Wie unterscheidet sich das Studium an der Max Planck School of Photonics von einem klassischen Studium?

Es handelt sich um einen integrierten Master-Promotionsstudiengang nach US-amerikanischem Vorbild, der jetzt erstmals in Deutschland etabliert wird. Wir wollen in den Max Planck Schools in einer Pilotphase untersuchen, inwieweit wir durch dieses integrale System exzellente internationale und deutsche Bachelorabsolventen gewinnen können. In vielen Ländern, wie zum Beispiel den USA, orientieren sich die Studierenden nach dem Bachelorabschluss neu und suchen aktiv nach einem Studienplatz für den Master. Diese möchten wir erreichen. Für die 20 Plätze, die in der Max Plack School of Photonics 2019 zur Verfügung stehen, rechnen wir mit über tausend Bewerbungen. Daraus werden wir in einem mehrstufigen Auswahlverfahren die Besten der Besten selektieren. Zum zweijährigen Masterstudium kommen die Studierenden nach Jena, Erlangen oder Karlsruhe, wo bereits internationale Photonik Studiengänge existieren. Die Studierenden werden sehr eng von Tutoren betreut. Sie müssen zusätzliche Vorlesungen und Seminare besuchen und experimentelle Untersuchungen mit Forschungsrelevanz betreiben, die über das Standardprogramm hinausgehen. Nach dem Masterstudium können sie sich auf Promotionsstellen bei den beteiligten Principal Investigators in ganz Deutschland bewerben. Es ist auch ein Quereinstieg direkt zur Promotion möglich. Die Promotionsphase dauert dann drei Jahre.

© Fraunhofer IOF

Angewandte Photonik auf dem Weg zum Merkur. Das MERTIS-Spektrometer, an dessen Entwicklung das Fraunhofer IOF maßgeblich beteiligt war, wird auf dem Merkur die Mineralvorkommen charakterisieren.

Im internationalen Wettbewerb um die besten Studierenden konkurrieren Sie mit Top-Universitäten auf der ganzen Welt. Warum soll ein Student aus Hongkong ausgerechnet nach Jena kommen?

Wir haben in unserem Netzwerk bekannte Principal Investigators mit einer hohen wissenschaftlichen Reputation. Denn die Photonik wird ganz maßgeblich durch deutsche Wissenschaftler geprägt. Gleichzeitig haben wir eine wirtschaftliche Umsetzung auf Weltniveau. Deutsche Unternehmen sind im Bereich der Lasertechnik Weltmarktführer. Wenn Sie heutzutage einen Laser für eine Laserbearbeitungsmaschine im Automobilbereich kaufen, dann kaufen sie definitiv einen Laser aus Deutschland. Das trägt entscheidend zur Attraktivität des Studiengangs bei.
 

Welche Kompetenzen bringt das Fraunhofer IOF in die Graduiertenschule ein?

Wir entwickeln komplexe optische Systeme zur Bildaufnahme, zur Bildwiedergabe und nutzen dafür unterschiedliche Technologien wie Lasertechnik, Mikro- und Nanooptik. Diese Systeme stellen wir Dritten zur Verfügung, die damit Grundlagenforschung machen. Ein schönes Beispiel ist das Infrarot-Spektrometer MERTIS, das gerade mit der Raumsonde BepiColombo auf dem Weg zum Merkur ist, um dort die Mineralvorkommen zu charakterisieren. Wir haben aber auch Kunden aus der Industrie, denen wir unter anderem Hochleistungslaser-Systeme zur Verfügung stellen.
 

Wie kann die Max Planck School die Forschung in der Photonik beflügeln?

Unser Ziel ist, dass wir über die Schule die Zusammenarbeit unter uns Kolleginnen und Kollegen intensivieren. Dazu gehört, dass wir die Promotionen zu zweit betreuen und auch Themen gemeinsam definieren.  Wir wollen die Community noch enger zusammenbringen und einen virtuellen Campus gründen.
 

Sie leiten ein Fraunhofer-Institut, ein Universitätsinstitut, sind Mitglied im  Direktoriums eines Helmholtz-Instituts und Vorsitzender des Wissenschaftlich-Technischen Rats der Fraunhofer-Gesellschaft, um nur einige Ihrer Funktionen zu nennen. Wie schaffen Sie es, Ihre vielen Aufgaben miteinander zu vereinbaren?

Das frage ich mich auch immer (lacht). Es ist wichtig, dass man an dem, was man tut, Spaß hat. Der entscheidende Punkt aber ist, dass man in Kooperation mit anderen versucht, solche Herausforderungen auszufüllen. Ich habe sowohl bei Fraunhofer als auch am Lehrstuhl exzellente Teams, die an einem Strang ziehen, um miteinander etwas zu bewegen.
 

Das Motto des Fraunhofer-Jubiläumsjahres lautet: »What’s next?« Daher die Frage an Sie: Welche Technologie wird Ihrer Meinung nach die Gesellschaft in Zukunft am meisten verändern?

Die größte Herausforderung der nächsten Jahre wird die Mensch-Maschine Interaktion sein. Hier können wir mit der Photonik einen wichtigen Beitrag leisten. Der Mensch ist ein visuelles Wesen. Er kommuniziert zu 80 Prozent über Gesten, über Mimik, über Körpersprache. In den nächsten Jahren wird die Photonik vor der großen Herausforderung stehen, die Maschinen zum Sehen und auch zum Verstehen zu bringen. Nur dann werden wir es wirklich schaffen, die Mensch-Maschine Interaktion auf eine völlig neue Qualitätsstufe zu heben.

 

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